Pierluigi Billone
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Sgorgo N

(2013)

für E-Gitarre


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Pierluigi Billone


Mokurai sagte: «Du kannst den Klang von zwei Händen hören, wenn sie zusammen klatschen. Zeig mir jetzt den Klang einer einzelnen klatschenden Hand…»

Sgorgo Y, N, oO, wurden für „die einzelne linke Hand” geschrieben.

Die Notwendigkeit, die rechte Hand des Musikers immer auf dem Whammy Bar (der Vibrato-Stange) zu halten, ist der Grund dafür, dass alles andere mit der linken Hand gemacht werden muss. Die linke Hand ‹verkörpert› auch die rechte Hand (Funktion, Rolle, mögliche Artikulationen) und es geht um eine hoch schwierige technisch/musikalische Herausforderung.

Meine ganze Bewunderung und Dankbarkeit gilt dem Interpreten Yaron Deutsch, welcher die drei Stücke, dank seiner kostbaren Arbeit und konstanter Inspiration, zu einer endgültigen klanglichen und formalen Klarheit geführt hat.

Sgorgo kommt aus dem Italienischen sgorgare (ausgießen, heraus fließen).

Plötzlich und überraschend fließt etwas heraus: eine Welle von Energie.
Zuerst sieht diese klangliche Welle nur chaotisch oder unfassbar aus, eine Art instabile und ständig in Schwingung befindliche Textur oder Artikulation.

Danach – dank eines langen, kreisförmigen Weges von

  • Hören,
  • Bauen/Abbauen,
  • dem Fokussieren der Aufmerksamkeit auf jedes einziges Detail,
  • unerwartete Unterbrechungen, immer wieder beginnen,
(eigentlich gibt es keinen Ausgangspunkt oder Endpunkt in einem Kreis…) – hat man den Eindruck, schon immer in einer vertrauten Klangwelt zu sein und gewesen zu sein.

In jedem von den drei Stücken erscheint eine unterschiedliche Ausgangswelle die in sich ihre mögliche künftige Entwicklung schon hat, so dass jedes mal öffnet sich eine neue Klangdimension.

 

Periodisch, ohne erkennbaren Grund, unterbricht der Musiker (rituelle Weise) den Kontakt mit dem Instrument: das Grundgeräusch des elektrifizierten Instruments brummt und erfüllt den Raum als einzige akustische Präsenz. Der Musiker (der Mensch) einfach darauf wartet: dass der elektrifizierte Klang seinen tiefen Rhythmischen Zyklus weiter führt oder vollendet.

Das ist die Quelle, aus der das Ausgießen kommt.

Es geht um einen (möglichen) Versuch, eine organische Verbindung mit einer nicht-organischen Klangquelle zu schaffen, und das zur Klarheit zu bringen: wie ein Klang (ein Mensch) seine Eigenschaften löst und seinen Rhythmus modifiziert, in tiefem Kontakt mit einer elektrifizierter Quelle.

In der Schluss Sektion von Sgorgo oO, dem dritten Teil dieses Triptychons für Solo E-Gitarre, wird endlich nur die elektrifizierte und digitale “rhythmische Seele” des Klangs (eigentlich eine künstlich gezwungene und bearbeitete Hintergrundresonanz) aktiv sein, die bisher immer nur im Hintergrund oder in isolierten Erscheinungen zu erkennen war.

Jetzt wird die ursprüngliche elektrifizierte Energie vom dem Interpret nur weiter moduliert und orientiert: der Kontakt ist entstanden, die zwei Dimensionen harmonisieren sich miteinander, der elektrifizierter Klang ist kein einfaches Objekt mehr, der Musiker zelebriert seine Würde.....

Sgorgo Y(2012) ist an Yaron Deutsch gewidmet.
Sgorgo N(2013) ist eine intime Hommage an Luigi Nono.
Sgorgo oO(2013) ist an Jeff Beck gewidmet.