Pierluigi Billone
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Phonogliphi

(2011)

für Stimme, Fagott und Orchester
Auftragswerk des Südwestrundfunks

Pierluigi Billone (Übersetzung aus dem Italienischen: Birgit Gotzes)


Stimme und Fagott führen hier in ein traditionelles Orchester eine andersartige Klangkultur ein, die aus anderen Erfahrungen entsteht. Es handelt sich um einen inhomogenen Klang, dessen Eigenschaften entweder sehr viel einfacher sind als die des traditionellen (von dem er ein Teil werden kann) oder aber sehr viel komplexer (er kann ihn beinhalten). Dieser elementare Unterschied ermöglicht eine andere Art der Konzeption. Die Klang- und Rhythmuswelt der beiden Solisten (mit all ihren Eigenheiten) ist als die tiefste Schicht gedacht – die innen und die erste ist –, die äußerste Schicht dagegen – die sich außen und darüber befindet – als die des traditionellen Klangs. Eine weder offensichtliche noch gewohnte Perspektive.

Ein Sinfonieorchester ist ein lebendiger, flexibler Körper mit einem speziellen Gleichgewicht. Die typische Aufstellung der Instrumente stellt ein Geflecht von Beziehungen und Hierarchien dar, und sie ist schon in sich selbst eine Phonographia (eine Schreibweise von Klang): Sie ist eine Strukturierung des Raums der Klangquellen, gebunden an die fundamentalen Beziehungen einer Klangkonzeption – daher ist es für manche Komponisten notwendig, mit neuen Aufstellungen zu experimentieren.

In „Phonogliphi” übernehmen die Solisten die Rolle eines autonomen doppelten „Herzens” im Orchester-„Körper”. Diese besondere Rolle (energetisch, klanglich und hierarchisch) wird noch verstärkt durch die Tatsache, dass sie im Zentrum wirken und das gesamte Gleichgewicht des Raums der Klangquellen verändern. Nur scheinbar handelt es sich um ein übliches Orchester. Das Geflecht aus Beziehungen, Hierarchien und Rollen ändert sich. Besonders offensichtlich zum Beispiel bei den vier Schlagzeugen, die sämtliche Klangquellen in einem Viereck einschließen und deren Gleichgewicht und Atem vollständig regeln. Oder in den Rollen der drei „Satelliten”-Fagotte oder der „energetischen Kraftpunkte”, die von den sechs Hörnern und drei Posaunen gebildet werden – usw.

Der Orchester-„Körper” unterliegt einer inneren Metamorphose (die diskret und wenig auffällig und darum vielleicht noch stärker ist) nach einem generellen Prinzip der Instabilität, das auf allen Stufen wirksam ist und auch die Situation selbst instabil macht: Auch das Musizieren* verändert sich ... und schafft sich eine Leere. In diesem instabilen und modifizierten Gleichgewicht kann das Orchester, wenn es auch es selbst bleibt, auf ganz natürliche Weise ebenso zu einem Chor werden oder sich damit begnügen, ein Stück Metall zu sein, eine fallende Kette oder ganz einfach zu schweigen.

Eine Glyphe ist ein Zeichen, das direkt in die Materie eingeprägt ist.