Pierluigi Billone
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KRAAN KE.AN

(1991)

für 3 Stimmen und 10 Instrumente


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aus dem Italienischen von Barbara Maurer


Die Neuentstehung und das Reifen einer Klarheit. Die Entscheidung, dafür ein Zeichen zu setzen. Der Körper ist ununterscheidbar in der Festigkeit der Dinge, in einer tiefen Intimität eingegraben. Der Gesang wächst aus dieser Intimität heraus. Die Stimme birgt im beinahe unbewohnten Raum ihrer Akzente noch die Spuren des Gesangs. Der Mensch, die Dinge: Ablagerung von Existenzen und Verbindungen, unstabiler Ort von Durchkreuzungen und Aufenthalten, lebendiger aufbewahrter Gesang.

Die traditionelle „Menschlichkeit“ der Stimme und der Instrumente hat diese dunkle Tiefe, die ihnen vorausgeht und sie hält, teilweise überblendet; beinahe ein schattenloser Mittag.

Hier, dagegen, sind die Instrumente und die Stimmen (als Ort, nicht als Mittel) dazu berufen, in ihrer Eigenschaft als Holz, Atem, Metall, Fell zu schwingen. Ihre Identität (Rolle, Technik, Repertoire, historisches Gewand) wird nicht abgelehnt, sondern assimiliert und überholt. Ihre „Maske“, ein stabiler Zustand traditioneller Technik-Kultur, wird geflutet, mit Unschuld. Fest in die Augen sehen können. Dringlichkeit nach einer anderen Demut des Menschlichen.

Ein zu vollziehender Weg des Schreibens: die Richtung, das, was den weg behindert, die Beharrlichkeit.

Musikalischer Gedanke und Praxis als Frage: die Antwort verlangsamt und entspricht der Tiefe und Weite dessen, was begegnet. Die Möglichkeit, sich bewusst und schutzlos einer rufenden Herkunft zu öffnen, sich aussetzen und über den Weg machen. Die fragliche Weg ist der, welcher in die Nähe des Geweihten Tages bringt...

Die erste Wirkung dieser Nähe ist der Wegfall der oberflächlichsten Gegensätze (und der Ideologie, die sie nährt). Die Arbeit findet dann, mit der Vorsicht, die das Risiko, den Weg zum Zeichen zu verlieren, kennt, die ganze Notwendigkeit und den archaischen Sinn der Gründung wieder (die wenig mit der logischen Begründung und Ableitung zu tun hat) und die gefährliche Konstanz der Beharrlichkeit.

Ein Anfangszeichen: Grundzustand eines (klingenden oder nicht klingenden) Schwingens und eines möglichen Horizontes von Verbindungen. Ein Zentrum-Zeichen (gibt das Maß, richtet eine Orientierung, öffnet den anfänglichen Ort, versammelt-ruft zu sich heran), und andere zweitrangige Zentrum-Zeichen, die imstande sind, eine Vielzahl in eine (lebendige und sinnvolle) Ordnung und Hierarchie von Verbindungen zu konzentrieren: Kosmos. Nicht nach der geometrisch-logischen Konzeption der Distanz, sondern nach der religiösen (es ist das nahe, was am Zentrum teilnimmt, und nicht das, was in einem abstrakt-einförmigen Zeit-Raum am nächsten liegt).

Die Arbeit beim Zentrum-Zeichen wird nun zum Aufrechterhalten einer musikalischen Spannung (der Existenz) und zu deren Konzentration in ein Schreiben. Das Stück ist also nur ein Pol der Arbeit, Ausformung-Spur eines Weges für Menschen auf Spurensuche.

Die Musikalische Erfahrung des Schreibens und jegliche (eventuelle und vorläufige) Ausführung in einem Stück fallen nicht zusammen. Sie sind verschiedene Wirklichkeitsebenen, jede hat ihre eigene Dimension und Weite.

Eine notwendigerweise individuelle (aber nicht unbedingt persönliche oder private) Erfahrung, die sich in Partitur-Konzert, dem öffentlichen Ort, sammelt. Hier kann ein weiteres (re-produzierendes) individuelles Hören stattfinden: jedes mal ein Neu-Schreiben nach eigenem Maß. Ein Tun, das etwas schon Getanes anspricht (befragt).

Die Fähigkeit eines Stückes, hervorzutreten und auf die Erfahrung zu verweisen, aus der es stammt (und einem weiteren Schreiben, Raum zu bieten) bleibt in jedem Moment problematisch: lebendige Frage-Spannung, tägliche Übung. Das Musikalische als Gattung (und seine inneren Unterscheidungen) wird nicht vorausgesetzt: es wird zur Frage und Möglichkeit. Der Atem eines Dings: Gesang-Raum seiner Herkunft.

Im Zentrum der Arbeit hat die Musik, die noch als Sprache und Kommunikationsmittel gedacht ist (ob Kunst oder nicht), kaum Platz. Vor allem, weil das große Blatt keine Notenlinien hat...

Es wächst ein Resonanz-Raum, der sich auf anfängliche Stille stützt. In dieser Aufmerksamkeit-Beleuchtung ist nicht nur eine Schwingung, sondern auch ein 5, oder eine Proportion, lebendig und voller Sinn: ein Interpretierendes. Und als solches findet es, oder nicht, den Ort, an dem es atmen und wirken kann.

In *AN (APSU, A.AN, KRAAN KE.AN, AN.NA, ME.A.AN) bezieht die Erfahrung des Schreibens, auf die verwiesen wird, ihr Leben bewusst aus einer anfänglichen Stille der Stimme.

Eine andere Notwendigkeit, Dringlichkeit und Strenge der Praxis. AN (Himmel), Zeichen für Stern, ist der Ruf, sich von der (eigenen) Herkunft durchqueren zu lassen.Vorher muss ihr Raum geschaffen worden sein, indem sie akzeptiert, in jeden Fall, als Reichtum der Existenz und Grund zur Dankbarkeit gehütet wird. Was immer sie sei.

Weite, Tiefe, Instabilität, Dimensionen, denen sich das Hören von neuem zuwenden kann. Der Abstand zwischen einem G und einem A ist hier weder fest noch einmalig: er ist vielmehr die Frage.

Distanz. Atem.

Schwierige und ganz langsame Erfahrung, tägliche Arbeit, die erst beim zweiten Hören beginnt.

Der individuelle Sinn einer Arbeit besteht aus Individuellen Reflexen. Der öffentliche Sinn einer Arbeit wird an den Folgen gemessen, die sie bewirkt (vor allem an den weniger auffallenden und unmittelbaren, die deshalb wohl von längerer Dauer sind). Und an ihrer Fähigkeit, die Balance des Schon-gehörten ins Schwanken zu bringen. Eben diesen öffentlichen Sinn kann der Schreibende fast nie messen.